STUDIENZIRKEL FÜR GLOBALES LERNEN UND FRIEDEN

Orte und Nicht-Orte


Das Beispiel der Studienzirkel für Frieden und Globales Lernen

Wenn wir uns ein bisschen Umsehen – nämlich auf Bildungs-Reisen durch Orte und Nicht-Orte in Europa - so wird sehr bald klar, dass wir noch viel zu erfahren und zu erlernen haben – und zwar nicht nur über das „was“ wir lernen, sondern auch darüber „wie“ und „wo“ wir lernen. Letztendlich geht es nämlich immer auch darum gute Orte entlang von „Nachhaltigen Wissenswegen“ zu finden, die demokratisch, stärkend, vielfältig und verantwortungsvoll sind. Und Nicht-Orte, die autoritär, verunsichernd und verstörend sind, zu entlarven.
So entwickelte sich eine kleine europäische Bildungsinitiative, die im Rahmen des Grundtvig-Programmes der Europäischen Kommission unterstützt wird und die antritt, die traditionelle skandinavische Lernform „Studienzirkel“ auf ihre Brauchbarkeit und Verortung zu überprüfen. Die Methode Studienzirkel wird mit konkreten Inhalten gefüllt, die ebenfalls das Potential zu einer zivilgesellschaftlichen Stärkung haben, nämlich „Frieden und Globales Lernen“.
Initiiert wurde das Projekt von Südwind NÖ Süd und wesentlich inspiriert durch die vielfältigen Bildungs-Arbeiten des Europahauses Burgenland. Gemeinsam mit PartnerInnen aus Schweden, der Slowakei, aus Ungarn und aus Litauen begab sich eine Gruppe von Lehrenden in eine mehrjährige Zusammenarbeit mit dem Ziel, selbst einen Studienzirkel und damit Lern-Orte zu gestalten und durch die unmittelbare Erlebbarkeit daran zu lernen.

Die Studienzirkeltradition in Europa
Die Studienzirkeltradition in Europa hat seinen Ursprung in Schweden und ist bis heute eine wichtige Lernform insbesondere in der Erwachsenenbildung in ganz Skandinavien.

Studienzirkel haben grundsätzliche Merkmale, die geprägt sind von
• Unabhängigkeit (trotz staatlicher Unterstützung)
• Dauerhaftigkeit (regelmäßige Treffen, mehr als einmal stattfindend)
• es gibt vorweisbares Material (und/oder/bzw. einen Arbeitsplan)
• eine gewisse soziale Breite
• eine geografische Breite
• Dynamik (Anstoß, etwas passiert: ein Thema wird vertieft oder eine
Vorstellung geändert)

(Vgl. Manuskript des Vortrages von Brigitte Kühne, Professorin an der Universität
Växjö, zur Schwedischen Studienzirkeltradition, 2005)

Der Studienzirkel ist eine Lernform, der das Bewusstsein zugrunde liegt, dass eine Stärkung der Zivilgesellschaft notwendig ist und diese durch Bildung erreichbar ist. Es geht dabei um demokratische Arbeitsformen in der Wissensvermittlung, denn „Lernen und Lehren“ wird verstanden als Prozess, wo Menschen im Mittelpunkt stehen, die gemeinsam nach Wissen suchen.
Studienzirkel setzen voraus, dass alle TeilnehmerInnen aktiv in die Planung und Gestaltung einbezogen werden. Der Erfahrungsaustausch und die gemeinsamen Analysen sind ein zentraler Aspekt der Zirkelarbeit. Der Lernprozess ist geprägt von Integration und Entwicklung und offener Kommunikation. Damit ist eine Lernatmosphäre geschaffen, die geeignet ist, Identitäten zu verhandeln und zu stärken – eine zutiefst wichtige Zielsetzung jeglicher Bildungs-Orte.

Die Herausforderung für ein europäisches Projekt ist, die Lernform Studienzirkel länder- und kulturübergreifend zu gestalten. Denn die Bildungstraditionen im Norden von Europa unterscheiden sich wesentlich von denen in Mittel- und Osteuropa. Und können Lernformen einfach so verpflanzt und ver-ortet werden?
Sie können, denn die kleinen Versammlungen für politische Bildung sind in ihrer Gestaltung einfach und komplex zugleich. Ein gemeinsames Thema und ein gemeinsamer Ort muss gefunden werden, es braucht Ressourcen und Zeit und Geduld. Denn die Erarbeitung von Wissen ist langwierig, Ressourcen sind oft schwer zu bekommen und Zeit ist eines der knappsten Güter der Gegenwart.

Trotzdem: Europa braucht achtsame AkteurInnen der Zivilgesellschaft, die
beispielsweise Frieden definieren und leben können. Wie wird Frieden in Europa unterschiedlich wahrgenommen und gedeutet? Wie gehen wir mit Minderheiten um? Ist interkulturelle Begegnung gestaltet als ein oberflächlicher Kulturaustausch oder gemeinsame Lebensweltgestaltung?

Von den Bildungsbegriffen in Europa geht es weiter zu den Friedensbegriffen in Europa. Wieder lohnt sich ein Blick in den Norden. Schweden ist jenes Land, dass seit 1811 keinen Krieg hatte. Und in Schweden drückt die Sprache differenziert die Friedensbegriffe aus. „Fred“ ist der Begriff für den kriegsfreien Zustand, der Begriff für die Friedens-Verträge. Die schwedische Sprache kennt aber noch einen weiteren Friedensbegriff, „Frid“, der Begriff für den inneren Frieden, für
den Gemütszustand und auch religiöser Ausdruck für Glück. Wenn es Sprachen gibt, in der unterschiedliche Dimensionen von Frieden ableitbar sind, wie wird Frieden in den einzelnen Ländern überhaupt wahrgenommen und wie drückt sich diese Wahrnehmung aus?

Die Mitglieder des länderübergreifenden Studienzirkels kamen zum Schluss, dass Krieg viel einfacher darstellbar ist als Frieden. Wenn wir in Europa Friedendefinieren, dann ist es oftmals ein Zustand der „Abwesenheit von Krieg“. Also wird Frieden oft nur als das andere, das Gegenteil von Konflikt, Gewalt und Auseinandersetzung definiert. Jede/r von uns kann sehr schnell Bilder von Krieg in seiner Vorstellung abrufen, es ist aber weit schwieriger Bilder des Friedens einprägsam darzustellen.

Die Geschichte und Mythen eines Landes sind sehr oft geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen, Museen und Archive sind voll von Darstellungen zu Krieg und Gewalt. Aber wer archiviert Friede? Und wo ist der Friede archiviert? Und gibt es dafür Orte?

Wer sind die TrägerInnen einer zivilgesellschaftlichen Diskussion zum Frieden in Europa? Eine Diskussion die notwendiger ist denn je, denn das vereinte Europa wird ja immer wieder als Friedensprojekt beschrieben, und das soll nicht bloß eine leere Worthülse sein, sondern gefüllt werden mit Sinn und Diskurs. Die Diskussion letztendlich drängt sich umso mehr auf, als Kriegsschauplätze bzw. Gewaltschauplätze in die Zentren Europas zurückkehren. Terroranschläge in London, Madrid...

Eine mögliche Begriffsklärung im länderübergreifenden Studienzirkel war, dass Friede ein Zustand ist, wenn unwichtige Sachen wichtig werden. Im Rahmen des Projektes werden diese Fragen noch im kommenden Jahr im Rahmen von Studienzirkel in Schweden, in Litauen und in Österreich weiter verfolgt. Ziel ist die Erstellung eines gemeinsamen Friedenshandbuches, das am Ende des Projektes vorliegen wird und von dem neue Impulse zur Verortung von Bildungsund Friedensarbeit in Europa ausgehen sollen.

Dr.in Ingrid Schwarz
Universitätslektorin am Institut für Geographie und Regionalforschung an der Universität Wien und Geschäftsführerin von Südwind NÖ Süd, Verein für entwicklungspolitische Bildungs-, Forschungs- und Öffentlichkeitsarbeit.

Weiterführende Literatur
SCHWARZ Ingrid (2001): Orte und Nicht-Orte als didaktisches Bildungskonzept für die Schule? In: GW-Unterricht 81/2001

Nähere Information
GF Dr.in Ingrid Schwarz
Tel.: 02622/24832
E-mail: ingrid.schwarz@oneworld.at